Graciela Iturbide

geboren 1942 in Mexiko
Lebt und arbeitet in Mexiko

Graciela Iturbide spiegelt in ihrem Werk die Kultur, die Rituale und das tägliche Leben in ihrem Geburtsland Mexiko und in anderen Ländern wider. Ihre Studien zum täglichen Leben der mexikanischen Landbevölkerung und der einheimischen Gesellschaft führten sie unter anderem zu den Seri-Indianern in der Sonorawüste im Norden Mexikos. In ihren Porträts der Seri widerspiegelt sie deren Lebensart und legt die immer größer werdende Kluft zwischen der prä-kolumbianischen Vergangenheit und den neuen Gewohnheiten dar, die der Kapitalismus mit sich brachte. Graciela Iturbide sucht und findet Formen dieses Übergangs, Doppelsinnigkeiten und den Einfluss der Fotografie. Dies ist auf einem ihrer bekanntesten Fotos deutlich zu sehen: Mujert Angel (Engelsfrau): Eine Seri-Frau erklimmt einen Berg in der Wüste mit einem Kassettenrekorder in der Hand. Diese scheinbar unvereinbaren Elemente zeigen eine Gesellschaft in voller Entwicklung, in der Alt und Jung miteinander leben und selbst allmählich zu sich finden. Ihre Faszination für ins Abseits gedrängte einheimische Gesellschaften und ihr Kontakt zur fremden Kultur führte sie auch zu den Zapotec-Indianern in Juchitan im Staat Oaxaca im Süden Mexikos. Dort lebte sie zwischen juchitekischen Frauen, die sie selbst als stark, unabhängig und politisch engagiert beschrieb. In Juchitán sind die sozialen Rollen anders als im Rest des Landes mit seiner typischen Machismo-Kultur. Hier hat die Frau das Sagen zu Familie, Religion, Arbeit und den Genuss der Frauen und Männer in Bezug auf eine nie gekannte sexuelle Freiheit. Trotz der anthropologischen Dimension, die ihr Werk kennzeichnet, stellt Graciela Iturbide keine exotischen fernen Welten dar, sondern sie zeigt die Menschen in ihrer Einzigartigkeit und vermeidet Bezeichnungen wie 'einheimisch‘. Über die Jahre hinweg verschwand die menschliche Abbildung vollständig und ihre Fotos versinken in einer tiefen Stille, die sich auf Gegenstände, Tiere und Landschaften ausrichtet, doch die Ambivalenz und die Poesie bleiben deutlich vorhanden. Graciela Iturbides Fotos sind keine Werke, die nach Entschlüsselung rufen, sondern es sind Bilder, in denen man die getrübte Schärfe und deren leise Andeutung genießen kann. Sie schreiben eine persönliche Fabel über ein Land, das sich fortlaufend zu verändern scheint und fortwährend seinen Weg zwischen dem einen und dem anderen Sein sucht, wobei sich Menschen, die sich nicht mit dem Gang der Dinge abfinden wollen, für Veränderungen entscheiden.

© Graciela Iturbide